Ice Ice Baby - Pucher inszeniert Othello

E-Mail Drucken PDF

Es ist schon erstaunlich, was Stefan Pucher alles tut, um uns seinen Othello nahe zu bringen. Bemerkenswert, mit was für einer Kohärenz er Shakespeares Drama in unsere Zeit übersetzt hat. Intelligent, wie er für jeden Handlungsstrang, jeden Charakter die passende Referenz gefunden hat: Fähnrich Jago ist Geschäftsmann und ärgert sich, dass er von seinem Chef gemobbt wurde, Michael C. Cassio ein aalglatter Businessman, der sich nach oben geschleimt hat und Rodrigo ein armseliger Jammerlappen, der in der Firma noch nie was zu melden hatte. In Othello vereinigt Pucher gleich drei Ikonen schwarzer Gegenwartskultur: Michael Jackson, Mohammed Ali und James Brown. Puchers Figuren sprechen also unsere Sprache, tanzen unsere Musik und haben unsere Probleme. Doch berühren tun sie nicht.


John Lennon, 100 % blickdicht

Liegt es daran, dass man sich an nichts mehr stößt, eben weil es so einfach ist? Weil man nicht mehr rätselt, warum Jago so böse ist, sondern es versteht? Indem er sie auf kulturindustrielle Muster reduziert, nimmt Pucher seinen Figuren das Mystische. Dass dabei vor allem die Liebesgeschichte zwischen Othello (Alexander Scheer) und Desdemona (Jana Schulz) auf der Strecke bleibt, fällt allerdings erst hinterher auf. Zu brillant sind die Schauspieler, als dass man gleich merken würde, was da nicht stimmt. Dabei zieht sich die Kälte durch das gesamte Stück. Angefangen beim Liebesduett, das Scheer und Schulz im ersten Akt singen. Warum sie sich nicht ein einziges Mal dabei angesehen haben, möchte ein Zuschauer im anschließenden Publikumsgespräch wissen. “Weil wir einen Song zusammen singen“, erwidert Scheer verständnislos, „das ist der Song, den John Lennon geschrieben hat, bevor er erschossen wurde, I mean, der letzte Song von John Lennon, muss man sich dabei angucken?“ Ja, verdammt, schaut euch doch lieber einmal an, als wie selbstverliebte Popstars ins Leere zu glotzen. Das täte der tollen Referenz sicher keinen Abbruch.

Emotionen gegen Action

Gefühle gibt es bei Pucher nicht auf der Bühne, sondern auf der Leinwand. Die Szenen, in denen Othello und Desdemona verzweifelt um ihre Beziehung ringen, hat er in ein anderes, praktischeres Medium verlegt. “Schließlich kann man in den Videoeinspielungen doch viel besser sehen, was zwischen den beiden passiert”, findet auch Jana Schulz. Und Pucher setzt noch einen drauf. „ Theater ist ein dunkler Raum ohne Fenster“, sagt er, „video aber heißt, ich sehe“. Ein seltsames Statement für einen Theaterregisseur. Oder sollte man doch besser Entertainer sagen? Statt Gefühlen gibt es auf Puchers Bühne jede Menge Action. Und wie jede Showbühne braucht auch diese ihren Superstar. Die ideale Rolle für Alexander Scheer. Wie besessen tobt er seine Wut auf dem „Othellofelsen“ aus, lässt seinen Körper aus beachtlicher Höhe auf den Boden knallen, um sich sofort wieder aufzurappeln. Super, was Scheer mit seinem Körper alles macht. Nur den Text, den er dabei keucht, versteht man nicht. Aber das macht nichts. Bei Pucher wird innerer Schmerz so lange nach außen gekrempelt bis Scheer erschöpft am Boden liegt. Wird er je wieder aufstehen, fragt man sich, doch die Entwarnung kommt sogleich. „Halt, ich bin noch nicht fertig!“, stöhnt er und setzt noch einen drauf.

The show must go on

Wie schön, dass die Zuschauer am Ende von Scheer noch eine Zugabe bekommen. Nachdem er seine Frau ein letztes Mal kräftig durchgevögelt, bevor er sie erwürgt, ist die Bahn frei für Alexander Scheer. Schade, dass er nicht wie Jackson aus einer Kanone auf die Bühne fliegt. Wenigstens sein Glitzeranzug ist Jackson-like. „ I payed a cost to be the boss“, singt Brown und Scheer startet einen beachtlichen Moonwalk. Zehn Minuten darf er noch einmal alles geben. Dann rammt er sich den Dolch in den Bauch. Das Drama ist zu Ende. Aber das Schwarz dauert keine drei Sekunden, da steht Mister Blackpower schon wieder da und lässt sich feiern. Fast könnte man meinen, die Zuschauer applaudieren nur, weil sie noch eine Zugabe haben wollen. Dass Othello sich gerade das Leben genommen hat, ist längst vergessen oder wurde gar nicht erst bemerkt. Aber das ist in dieser Inszenierung auch nicht so wichtig.