Pizza Speziale

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Pizza Speziale

Berlin, Mitte. Das “Ristorante Rosenthal” erfüllt bis auf seinen Namen so gut wie alle italienischen Klischees. Die Fensterscheiben sind mit Italienflaggen beklebt, dazwischen hängen ein paar Speisekarten, auf Italienisch, versteht sich. Drinnen läuft einem beim Anblick der gegrillten Auberginen, Zucchini, der Käse- und Wurstspezialitäten das Wasser im Munde zusammen und die Pizza kommt hier selbstverständlich aus dem Steinofen. Freundlich werden die Gäste mit „ciao“ begrüßt, „pronto“ bedient und „grazie“ verabschiedet. Bei schönen Frauen legen sich die charmanten Kellner besonders ins Zeug.

Italienisches Lebensgefühl


Hinter der Theke wird jedoch eine andere, härtere Sprache gesprochen, die dem deutschen Ohr so gar nicht vertraut ist. „Das ist Albanisch“ erklärt der Kellner, „ich stamme aus Mazedonien, Ex-Jugoslawien, da bei Griechenland“, murmelt er noch und wendet sich anderen Gästen zu. Er möchte das Thema beenden. Offensichtlich fühlt sich Mustafa Asim wohler in der Haut eines Italieners. Kein Wunder, schließlich lieben die Deutschen Italien, fahren dorthin in den Urlaub und bekommen ganz weiche Gesichtszüge, wenn sie an la dolce vita denken. Mazedonien hingegen können die meisten nicht einmal auf der Karte zeigen und mit dem Schicksal der Asylbewerber aus der ehemaligen Teilrepublik Jugoslawiens können sie auch nichts anfangen. Zu kompliziert, was da auf dem Balkan geschehen ist.

Vom Albaner zum Italiener

Auch Mejdi Kemal, der albanische Koch und Geschäftsführer des Restaurants, betont energisch, er sei italienischer als die Italiener, als es auf seine Identität zu sprechen kommt. Doch plötzlich fasst Camello, wie sich Kemal lieber nennt, Vertrauen. „Außer einem Kellner arbeitet hier kein Italiener“, gibt er zu. „Der Inhaber ist Türke, der Hilfskoch auch und der Azubi kommt aus Deutschland“, fährt er fort und setzt sich mit einem Cappuccino an den Tisch. Dann erzählt er, wie er vom Albaner zum Italiener wurde. Als er 1981 illegal nach Berlin einreist, will er eigentlich nicht lange bleiben. „Ich bin ja nur wegen der Mädels her“, lacht er. Aber die politischen Spannungen, die in Ex-Jugoslawien schon lange vor dem Kriegsausbruch Anfang der 90er Jahre herrschten, veranlassen ihn zu bleiben. Die Behörden gewähren ihm Asyl. Das Arbeitsrecht hat er damit nicht. Ohne Papiere, mit 20 Mark in der Tasche sucht Kemal Arbeit und fängt als Tellerwäscher an - in einer italienischen Pizzeria. So machen es die meisten Albaner, wenn sie nach Deutschland kommen. Kemal lernt schnell, erst die italienische Sprache, dann das Kochen. Stolz erzählt er, wie er seine italienischen Konkurrenten um die begehrte Stelle als Koch bei dem schicken Italiener auf dem Ku’damm ausstach.

Vom Italiener zum Deutschen

Leicht war es trotzdem nicht. Als Schwarzarbeiter wird er auch von seinen „Landsmännern“ ausgebeutet, doch die Verhältnisse ändern sich. Mittlerweile stellt Kemal als Geschäftsführer italienische Aushilfen ein. „ In Berlin sind 70 % der Pizzerien fest in albanischer Hand, das führt manchmal zu Neid“, sagt er befangen, denn schließlich habe er den Italiener viel zu verdanken. Überhaupt nickt Mustafa Asim heftig, sei das Verhältnis zu den Italienern keine reine Zweckehe. „Ich liebe dieses Land. In Albanien sind wir Nachbarn und außerdem ist die italienische Küche einfach die beste.“ Trotzdem wollte er nie in Italien leben, genau wie Camello. „Wir haben hier alles, was wir brauchen und die Deutschen sind sehr tolerant“, schwärmt er. Sollte er nächsten Monat nach 23 Jahren eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen, würde er gerne die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen. Und so wird der albanische Italiener aus Mazedonien vielleicht doch noch Deutscher. Zuhause ist er in Deutschland schon lange.