Der Strandkorb

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Der Strandkorb

In Deutschland gibt es an der Nord- und Ostseeküste wunderschöne breite Strände.

Herrlich. Zugegeben, es ist nicht ganz so warm wie am Mittelmeer oder an der Atlantikküste. Ja, es kann sogar sehr windig werden. Aber uns macht das nichts. Wir haben nämlich das Richtige entworfen, um diese rauhe Natur in Ruhe geniessen zu können. Ende des 19. Jahrhunderts wollte Elfriede Maltzahn, eine äusserst vornehme Dame, trotz ihres Rheumaleidens nicht auf den Ostseeurlaub verzichten. Sie beauftragte den kaiserlichen Hof-Korbmacher Wilhelm Bartelmann, eine Sitzgelegenheit zu erfinden, um sie am Strand vor dem Wind zu schützen. Das war der erste Strandkorb. Auf den ersten Blick mag dieses Ding behäbig, sogar ein bisschen protzig wirken. Aber der breite Sessel aus robustem Korbgeflecht bietet den grössten Komfort, den man sich am Strand vorstellen kann.

Die meist rot- oder gelb-weiss gestreiften Sitz- und Rückenteile sind weich gepolstert, und die Lehne ist natürlich beliebig verstellbar. Links und rechts gibt es Armlehnen aus Holz, und sogar ein kleines Tischchen zum Ausklappen. Praktisch oder? Vorne noch zwei Brettchen zum herausziehen, falls man die Füsse hochlegen möchte. Und das Tollste, oben drüber wölbt sich ein großes Dach aus Korb, verziert mit einer ausziehbaren Plastik oder Stoffmarkise. Wie gemütlich! Man kann bequem zu zweit drin sitzen und zur Not passt auch noch ein Kleinkind in die Mitte. In diesem heimeligen Nest fühlt man sich so richtig geborgen allerdings auch etwas eingeigelt, fern ab vom weichen Sand.
Überhaupt hat die Strandkorbidylle auch ihre Schattenseiten.

Oft genug kann man beobachten, wie deutsche Kinder zusammen mit ihren Eltern mit grossem Eifer einen breiten Graben oder Sandwall um ihren Strandkorb herumbauen. Wenn alles fertig ist, zieht man sich dann zurück in das kleine Strandkorbheim. So manch wohlbeleibter deutscher Vater wirkt in seinem Strandkorb mit dem Sonnenmilchzepter in der Hand wie ein König auf seinem Thron. Aber die Sonne ist untergegangen und der Strandkorbverleiher klappt wie im Flugzeug alle Tischchen ran, stellt die Rückenlehnen wieder aufrecht und rückt die Strandkörbe alle wieder in die richtige Richtung.

Zuletzt kommt noch eine Art Lattenrost davor, um sicher zu stellen, dass hier keiner umsonst übernachtet. Warum bloss haben die Franzosen diese Körbe an den Stränden der Bretagne und der Normandie nicht eingeführt? Wahrscheinlich, weil sie nicht zugeben wollen, dass es auch dort windig und kühl werden kann...


Text: Katja Petrovic
Bild: Joris Clerté