Die Mouillettes

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Die Mouillettes

Was für ein seltsamer Anblick für den Deutschen, wenn er sieht, wie der Franzose sein Ei isst.

Zuerst nimmt er eine Scheibe Weissbrot, die er mit Butter bestreicht, um sie dann in dünne, streng parallele Streifen zu schneiden. Der Franzose benutzt keinen Löffel zum Aushöhlen der empfindlichen Schale. Mit der bloßen Hand geht er den Dingen auf den Grund.

Die Franzosen tunken immer so gerne. Es ist ein sinnlicher Moment, wenn das Weissbrotstäbchen das Eigelb zum Platzen bringt, um in seine Tiefen einzudrigen. Diese Brotstäbchen nennen die Franzosen: les mouillettes von mouiller, nass machen. Zähflüssig quillt die noch warme Lawa über den Rand, läuft über die Finger und fließt auf das Tischtuch. Zugegeben, das Auge isst dabei nicht mit. Wenn das Ei aus Versehen zu weich geraten ist, will das Tunken nicht gelingen, zumal das französische Weissbrot meist so weich und labbrig ist.

Und wenn das Ei zu hart ist? Die Vereinigung der beiden Elemente findet nicht statt. Die liebevoll vorbereiteten Mouillettes, alles umsonst!

Text: Katja Petrovic
Bild: Claire Doutriaux